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10/2021 – Gastbeitrag: Kritische Selbstbetrachtung von Inklusion und Kultur e.V. zum 3. Inklusionskulturtag am 22. Mai 2021 im Schauspiel Köln

Der Verein Inklusion und Kultur e.V. hat am 22.5.2021 den 3. Inklusionskulturtag gemeinsam mit dem Schauspiel Köln und dem Sommerblut Kulturfestival e.V. durchgeführt. Als Gastbeitrag veröffentlichen wir an dieser Stelle die ausführliche kritische Selbstbetrachtung des Vereins. Der Projektfilm gibt einen kurzen Überblick über die Höhepunkte.

Prolog: Verständlichkeit braucht Raum und Zeit

Der 3. Inklusionskulturtag: Das ist eine Fachtagung für Kulturakteur:innen, die im Bereich Inklusion arbeiten oder aktiv werden möchten. Sie fand schon am 22.5.2021 online statt. Glücklicherweise gibt es einen kompletten Mitschnitt. Dieser Artikel soll gut verständlich sein. Ein Fachartikel wäre zwar bedeutend kürzer, aber er ist in komplexerer Sprache und setzt viel Hintergrundwissen voraus. Dann wäre er exklusiv.

Zum Themenschwerpunkt Inklusion in den darstellenden Künsten trafen sich um die 70 Künstler:innen mit und ohne Beeinträchtigung, Vertreter:innen von inklusiv arbeitenden Kultureinrichtungen sowie weitere Multiplikator:innen aus dem deutschsprachigen Raum. Gastgeber Stefan Bachmann ist seit 2013 und bis voraussichtlich 2026 Intendant des Kölner Schauspielhauses. Er betrat selbst als eine der ersten Stimmen jenseits des inklusionskulturellen Umfelds das Podium. Das tat er nicht nur zum obligatorischen Grußwort, sondern als Diskussionsteilnehmer.

Die wichtigsten Themen der Tagung waren die finanzielle und strukturelle Förderung sowie die ästhetische Gestaltung inklusiver darstellender Kunst. Doch die ersten Nachgespräche warfen die Frage auf, wie glaubwürdig und somit produktiv die Tagung und einzelne Beiträge sind.

1. Akt: Ein guter Blick über den Tellerrand – was aber liegt auf dem eigenen Teller?

Der erste Teil des Symposiums befasste sich mit der logistischen und finanziellen Infrastruktur für inklusive Kulturarbeit. Aus England zugeschaltet war Abid Hussain aus der Abteilung Diversity, Art Council of England. Diese Institution ist vergleichbar mit einem Kulturministerium auf Bundesebene. Die Abteilung entscheidet über die Förderung von Kulturprojekten anhand des Kriterienkataloges Creative Case for Diversity (Kreativbaukasten für Vielfalt). Die britische Inklusionspolitik setzt dabei stärker als die deutsche auf das sozial-inklusive Modell. Das bedeutet vereinfacht gesagt: Keine Integration mit Hintereingang und Zusatzangebot, sondern Angebote, die darauf vorbereitet sind, dass Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Eigenschaft, Geschlechtlichkeit oder Familienform teilnehmen. Es sollen also nicht medizinische, sondern gesellschaftliche Barrieren abgebaut werden.

Ein unüberhörbarer Appell ist daher die vorgestellte Studie „Time to act“ (Zeit zu handeln). Ben Evans aus der Abteilung Disability Arts International, British Council präsentierte alarmierende Zwischenergebnisse einer Einrichtung vergleichbar mit dem deutschen Goethe-Institut. Die entscheidenden Akteur:innen befassen sich laut der Studie kaum mit inklusiven Fragestellungen. Eher schaue man nach dem Zugang für das zahlende Publikum. Hinter und auf der Bühne werde Inklusion bestenfalls eingebaut, wenn es das Werk oder die Gesetze vorgeben. Eine Weiterentwicklung der Tradition mit nicht-weißen Hautfarben und anderen Eigenschaften erscheint zu riskant für das Publikum, im Klartext die Finanzplanung der Regisseur:innen und Schauspielhäuser. Man vermutet, meistens beruhe das auf Unwissen und Vorurteilen sowie der fehlenden Motivation, von sich aus Inklusion und Diversität mehr zu fokussieren.

Politische Entscheidungen brauchen wissenschaftliche Erkenntnisse als Handlungsgrundlage. Darum ist die erste Studie dieser Art in ganz Europa von großer Bedeutung. Politik verstehen erfordert hingegen Hilfe bei der Einordnung. Deswegen wäre es wichtig gewesen, die Bedeutung der britischen Beiträge für die Situation in Deutschland einzuordnen. Hier haben wir es mit völlig anderen Strukturen und Regelungen zu tun. Verständlicher wäre es gewesen, die konkreten Anliegen der anwesenden Akteur:innen und ihre Möglichkeiten beispielhaft einzubeziehen.

2. Akt: Sternstunden für Kontroversen

Die anschließende Podiumsdiskussion entfaltete nicht das Potenzial für eine kontroverse Diskussion. Die beiden außerhalb der Inklusionskulturszene prominenten und einflussreicheren Persönlichkeiten in der Gesprächsrunde waren der Gastgeber Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiel Köln, sowie Michael Reitemeyer, stellvertretender Leiter der Kulturabteilung im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft.

Herr Reitemeyer präsentierte das in seinem Ministerium neue Referat für Teilhabe, welches jedoch vorwiegend den Bereich Interkulturelle Arbeit für beide ministeriellen Bereiche Kultur und Wissenschaft abdeckt. Interkulturelle Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Migrationshintergrund als Teil der heutigen Deutschen Gesellschaft. Außerdem sei Inklusion auch im Kompetenzzentrum kubia vertreten. Hier teilt man die Ressourcen für Inklusion mit dem Themenschwerpunkt Kultur und Alter; das Augenmerk liegt dabei auf kulturellen Bildungsangeboten. Ziel beider Einrichtungen ist primär, Kulturakteur:innen auf Inklusion und andere Fragestellungen der Diversität im Auftrag des Ministeriums vorzubereiten. Unklar bleibt, wie das Ministerium andererseits Menschen mit inklusivem und diversem Hintergrund im Bemühen um Kulturarbeit unterstützt.

Gedankliche Pause: Vier Fragen der Glaubwürdigkeit

Hier bietet es sich an, auf die eingangs angedeuteten Fragen zur Glaubwürdigkeit inklusiver Kulturarbeit zurückzukommen.

  1. Wie kann man Kooperationen und Förderungen mit kritischem Blick sichern? Herausforderung: Die Struktur von Kulturarbeit und Förderung kann problematisch sein, weil die unabhängig arbeitenden Einrichtungen auf z.B. ministerielle Förderung angewiesen sind. Wenn sie das Ministerium oder sich selbst einer konsequenten Introspektive unterziehen, kann die weitere Förderung und Kooperation gefährdet oder unglaubwürdig werden. Beispiel: Eine inklusive Forschungseinrichtung oder Förderinstitution inklusiver Kulturarbeit ist nicht barrierefrei zugänglich.
  2. Wie bleiben Inklusion und Diversität im Fokus? Herausforderung: Die Verteilung der Ressourcen auf verschiedene Institutionen kann interdisziplinäre Arbeit fördern. Gleichzeitig kann dies aber der vertiefenden Fokussierung im Weg stehen. Beispiel: kubia oder die Abteilung für Teilhabe sollen gleichzeitig weitere Themen beleuchten. Eine Priorisierung von Schwerpunkten erfordert, dass einzelne Aspekte vernachlässigt werden.
  3. Wie bewertet man die Qualität inklusiver Arbeit fachlich und selbstkritisch angemessen? Herausforderung: Menschen mit Beeinträchtigung ohne spezifisch kulturelle Fachausbildung haben möglicherweise keinen fachlich objektiven Blick als Publikum und Kulturschaffende in eigener Sache. Vielleicht erscheint es zielführender, wenn ausschließlich Wissenschaftler:innen und fachkundige Sachbearbeiter:innen Informationen über Publikum und Kulturschaffende auf wissenschaftlicher und juristischer Basis auswerten. Erkenntnisse zu subtilen, wissenschaftlich schwer nachweisbaren Diskriminierungsformen sind teils unbekannt. Teils fehlt das persönliche Erleben einer Gesellschaft mit Interkultur, Inklusion und Diversität für einen realistischen analytischen Blick.
  4. Wie transparent sind die gewählte Expertise und ihre Grenzen in der Öffentlichkeit? Herausforderung: Jemand kann unabhängig von eigenen Beeinträchtigungen oder Begegnungen mit beeinträchtigten Menschen kompetent sein in inklusiven Fragestellungen. Eine zahlenmäßig hohe Beteiligung von Expert:innen mit Beeinträchtigung garantiert nicht automatisch, dass die Ergebnisse inklusiv werden. Möglich ist, dass ihre Mitsprache keine Mitentscheidung ist und niedrig priorisiert wird. Die Mitentscheidung kann auch einen Tunnelblick für einzelne Beeinträchtigungen oder sogar Einzelpersonen mit sich bringen. Diese Grenzen öffentlich zu kommunizieren, führt unweigerlich zur ersten Frage der Kooperationen zurück.

Diese qualitativen Aspekte sind rückblickend innerhalb der Veranstaltung deutlich zu kurz gekommen.

3. Akt: Fortgang des Diskussionspanels – Der Auftritt und das Potenzial

Das Kölner Schauspielhaus als Gastgeberin tut im Rahmen der Sanierungen gemäß den gesetzlichen Vorgaben erfreulich viel für die Inklusion des Publikums. Doch wie beteiligt es darstellende Künstler:innen mit Beeinträchtigung? Könnte man beispielsweise auf 1-2 Produktionen pro Jahr verzichten und mit den freien Ressourcen eine inklusive Umsetzung der Produktionen mit beeinträchtigten Darsteller:innen realisieren?

Bachmanns Einwand: In einer Spielzeit soll die Bandbreite von Vielfalt sichtbar sein. Dieses Paradigma realisiert er, indem er auf viele unterschiedliche Produktionen setzt. So könnte der Verzicht auf Produktionen beim Publikum als weniger vielfältiges Angebot ankommen. Demgegenüber steht sein eigener Vorzug für entschleunigte Produktionen. Das ist eine potenzialträchtige Basis für gute inklusive und diverse Produktionsqualität. Die offene Frage ist dann: Wie macht man Diversität und Inklusion besser sichtbar und kann trotzdem entschleunigt arbeiten?

Bachmann forderte zudem Nachbesserungen in der Schauspielausbildung, die ein laufender Schauspielbetrieb nicht kompensieren könne. Nele Jahnke, Regisseurin bei den Münchner Kammerspielen, ermutigte daher ausdrücklich dazu, bestehende Systeme von innen heraus inklusiver zu gestalten, wie es in ihrem eignen Haus der Fall ist. Gerda Königs Bemühungen um inklusive Tanzausbildungen könnten durch einen prominenten Fürsprecher und Förderer wie das Schauspiel Köln ein weiteres Beispiel werden.

Da Bachmann nicht als Privatperson oder einzelner Künstler, sondern im Namen des gesamten gastgebenden Schauspielhauses einer Metropole Stellung nahm, hat sein Für und Wider ein großes Gewicht. Seine Beiträge gingen allerdings recht klanglos in inklusiven Sprechgewohnheiten und der Selbstdarstellung der anderen Podiumsteilnehmer:innen unter. Lag es nur an den vielen technischen Problemen, dass das gegenseitige Zuhören auf dem Podium und im Publikum nicht gelingen wollte?

Auch die Wortbeiträge von Frangiskos Kakoulakis mit seinen Erfahrungen als Darsteller bei den Münchner Kammerspielen erfuhren keine angemessene Einbettung. Sie erschienen, als dürften Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ‚auch einmal etwas dazu sagen‘ und wurden nicht von den anderen Gesprächsteilnehmer:innen aufgegriffen. Hier ist, selbstkritisch betrachtet, zukünftig deutlich nachzubessern!

Eines bleibt natürlich: Förderprogramme greifen erst auf der Bühne des städtischen Schauspielhauses, wenn es Kapazitäten für inklusive darstellende Kunst bereitstellen möchte. An dieser Stelle wäre es hilfreich, zu erfahren, ob inklusive Kulturarbeit weitere künstlerische oder finanzielle Nachteile mit sich bringt für die noch nicht inklusive Kulturarbeit. Die Diskussionsrunde befürchtet also zu Recht, dass es mindestens 10 bis zu 40 Jahre dauern könnte, bis Hochkultur divers und inklusiv auch auf prominenten Bühnen Alltag ist. In Köln geht es hoffentlich schneller.

4. Akt: Der unvollendete ästhetische Zugang

Nach der strukturellen Debatte folgte der zweite Teil über ästhetische Formen inklusiver darstellender Künste. Besonders Michael Turinsky überraschte und beeindruckte viele Teilnehmende mit einem selbstkritischen Blick. Den nahm ansonsten so deutlich niemand auf dem Podium ein. In dieser neuen Runde war er bis auf Patrizia Kubanek, die Moderatorin, der Einzige, der seine Beeinträchtigung benannte.

Es ist erfrischend, wie Turinsky in langsamen, einfachen Ausführungen die traditionellen Möglichkeiten der Kuration nach Fragen von Qualität und Publikumseignung erneuert. Die Frage der Relevanz eines Werkes und dessen Auswahl für eine Spielstätte oder ein Festival lasse sich beantworten durch das Zusammenspiel aus Inhalt, Form sowie das Zusammenspiel von Produktion und Verteilung ans Publikum. Zu betonen ist hier, dass sich Kurator:innen von vornherein mit den Möglichkeiten des Noch-Nicht-Publikums befassen. Nicht selten argumentieren Kulturveranstalter:innen nämlich gegen Inklusion: ‚Wenn es keine Nachfrage gibt, wieso sollen wir mit Blick auf unsere Ressourcen inklusiver werden?‘

Passend dazu veranschaulichte Lisette Reuters Werkschau des Un-Label-Projektes ImPArt die Ästhetik des Zugangs (aesthetics of access). Das Konzept baut eine Brücke zwischen dem zu Anfang vorgestellten Katalog Creative Case for Diversity, Turinskys aufgefrischtem Konzept zur Kuration nach Relevanz und nicht zuletzt den möglichen künstlerischen und ästhetischen Sorgen nicht-inklusiv arbeitender Produzent:innen.

Mit diesem Werkzeug kann der Paradigmenwechsel von integrierender zu inklusiver Kunst sogar bei der Gestaltung einer Fachtagung leichter gelingen! Die bislang verbreitete Tradition inklusiver darstellender Kunst besteht meist aus Integration nach dem medizinisch-inklusivem Modell: Man produziert traditionell und baut zusätzlich die alternativen fehlenden Zugänge als ‚Hintereingang‘. Die Ästhetik des Zugangs hingegen ermutigt und lädt ein zum kreativen Umgang mit den inklusiven Bedürfnissen nach dem Modell sozialer Inklusion. Das Bedürfnis gehörloser Menschen ist beispielsweise, mit Gebärdensprache und anderen visuellen Mitteln folgen zu können. Das wird mit Blick auf soziale Inklusion Teil des Produktionsprozesses. Regisseur:innen haben damit die Gelegenheit, diese Möglichkeiten zielgerichtet mit Kreativität zu füllen, anstatt eine Übersetzung in Gebärdensprache ‚anzubauen‘.

Die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen konnte jedoch auch hier nur einseitig erfolgen. Es braucht eine klarere Übersetzung inklusiver Angebote in die nicht-inklusive Welt hinein und Übersetzungen aus der Sichtweise von traditionell arbeitenden Förderern und Regisseur:innen in inklusive Konzepte. Mögliche Einstiegsfrage in ein dialektisches Gespräch wäre: Was haben die vorgestellten inklusiven Konzepte aus traditioneller Sicht für Konsequenzen? Damit könnte man Inklusion auch aus der Tradition heraus weiterentwickeln. Doch alle Teilnehmenden des zweiten Diskussionspanels arbeiten im inklusiven Sektor.

5. Akt: Ein exklusives Sonderangebot ohne Kontroversen?

Der 3. Inklusionskulturtag konnte all zu leicht darüber hinwegtäuschen, wie wenig sich im Bereich der darstellenden inklusiven Kunst tut. Gibt es da ein systemisches Problem? Sollte der Ansatz solcher Veranstaltungen denn nicht sein, eine Einladung und Ermutigung auszusprechen? Welche Nachteile hat es, wenn man Inklusion einseitig als etwas Erstrebenswertes, Lösbares präsentiert und Vorbehalte oder Gegenargumente nicht zur Debatte stellt?

Deutlich geworden ist organisatorisch: Eine Tagung nach sozial-inklusivem Modell mit einer Ästhetik des Zugangs braucht keine Show-Einlagen, um Teilhabe für alle zu ermöglichen. Sie braucht eine Bedarfsabfrage, einen klaren Zeitplan mit überschaubarem Inhalt an einem zentralen Ort im Internet, genügend kurzen Pausen sowie eine empathische Moderation bei kurzfristigen Veränderungen. Nicht zu vergessen: Auf einer erfolgversprechenden Tagung brauchen alle die Möglichkeit zum Austausch. Unsererseits sollten wir proaktiver und empathischer mit den nicht seltenen technischen Herausforderungen der Teilnehmer:innen mit und ohne Beeinträchtigung umgehen. Denn wenn die Veranstaltung losgeht, ist es zu spät zu lernen, wie alles funktioniert.

Inhaltlich lässt sich feststellen: Bündnisse mit Gleichgesinnten sind geeignet zur Stärkung von Minderheiten, doch bergen sie die Gefahr der ausgrenzenden ‚eingeschworenen Gemeinde‘, die verständnislos ist, dass andere nicht längst mitmachen. Langfristig gelingen Fortschritt und Emanzipation jedoch erst durch die Vernetzung mit anderen Minderheiten einerseits. Andererseits ist eine Vernetzung nötig mit gesellschaftlich wie finanziell Stärkeren, ja sogar die Gunst der Gegner:innen. Schon Lessings „Nathan der Weise“ plädierte für das Miteinander anstatt des Nebeneinanders der unterschiedlichen Weltanschauungen.

Es darf somit zum Fortkommen auf Tagungen nicht fehlen an mutig aufrichtig kontroversen Gesprächen über die bestehenden Barrieren. Menschen, die nicht an Inklusionskultur teilhaben wollen, sollten genauso teilhaben wie jene, die noch gar nicht teilhaben können. Glücklicherweise ist es nicht verboten, über Vorbehalte, Ängste und Ablehnung gegenüber der Verschiedenheit der Menschen zu diskutieren. Es ermöglicht vielmehr, Vorbehalte, Blockaden, Diskriminierungen und notwendige Veränderungen diplomatischer Gepflogenheiten auf allen Seiten zu überwinden.

Epilog: Empathie und geschützte Räume

Gefragt ist also mehr Einfühlsamkeit, auch für die Möglichkeit, dass sich Inklusion nicht immer überzeugend realisieren lässt. Um es mit Michael Turinskys Worten über sein choreographisches Paradigma zu sagen: „Kann ich mich in einen als normal markierten Körper kinästhetisch hineinversetzen, so dass ich dem Performenden produktive Anweisungen oder Hinweise geben kann?“

Glaubwürdige Tagungen brauchen also eine bedarfsgerechtere Vorbereitung und mehr Räume für Kontroversen. Daher stimmen wir Turinskys Vorschlag zu: „Für mich ist ein Raum dann sicher, wenn ich das Gefühl habe, ich kann einen Ausrutscher machen, ohne dass ich einen auf den Deckel dafür bekomme. Auch das ist wichtig, und das müssen wir allen Menschen zugestehen, dass nicht alle denselben Sprech draufhaben.“

Der 4. Inklusionskulturtag sollte bewährte ausgrenzende Formate überwinden und mehr Mut zu Kontroversen zeigen. Schon jetzt arbeiten wir an Möglichkeiten, Kulturakteur:innen geschützte Räume anzubieten.