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Arnes Durchblick #19 vom 1.7.2021: Keine Party, aber weniger Vorurteile – wie ich Selma Merbaums Werk entdeckte

Ich will leben“ ist die zentrale Botschaft in Selma Merbaums Lyrik- und Liederbündel aus zwei „Blütenlesen“: Vielschichtige, zarte, sehnsüchtige, schwermütige, aber stets lebensbejahende Naturbilder.

An der gleichnamigen Party im Artheater nahm ich nicht teil. Stattdessen las ich die Gedichte im Zug und zwischen rudelguckenden Eiscafé-Besucher:innen.

Zunächst wirken ihre frühen Texte bedeutungslos naiv-kindlich. Ich fragte mich sogar, ob das Werk nur bedeutend ist aufgrund seines geschichtlichen Hintergrundes. Im Stillen und in Merbaums späteren Gedichten wie dem zitierten „Poem“ oder von ihr übersetzter Lyrik entfaltet sich ihre Stärke. Damit wertet sie die frühere Naivität nachträglich auf.

Die dramatische Überlieferungsgeschichte ist wichtige Erinnerungskultur. Eine 18-jährige junge Frau hinterlässt kurz vor ihrer tödlich endenden Deportation in ein NS-Zwangsarbeitslager ein Gedichtbündel. Dieses seltene Fundstück rumänischer Bukowina-Literatur entstand seit ihrem 15. Lebensjahr. Erst Ende der 1970er Jahre wurde Merbaum größerem Publikum bekannt.

Glücklicherweise konnte ich mit dem Vorurteil aufräumen, die Erinnerungskultur sei einziger Grund ihrer Bekanntheit. Inzwischen schätze ich diese beispielsweise in Pandemie-Zeiten hoffnungsvolle Naturlyrik sehr.