← Zurück zur Übersicht

Arnes Durchblick #20 vom 20.8.2021: 4*20! – nominiert als Kulturereignis des Jahres 2020!

Ist unsere Glückszahl 20? Wir feiern 20-jähriges Jubiläum und sind nominiert für unser erstes digitales Festival 2020! Mein (zufällig?) 20. Durchblick ist daher viermal so lang wie sonst, 4*160=640 Wörter.

Vom 15.-23.7.2021 konnten Leser:innen der Kölnischen Rundschau und des Kölner Stadtanzeigers für das Kulturereignis des Jahres 2020 abstimmen. Erstmals nominiert ist das komplette multipolare Online-Sommerblut-Kulturfestival vom vergangenen Jahr. Neun weitere Theaterproduktionen und Ausstellungen sind nominiert. Kultur-Port verrät, welche Jury-Mitglieder die weiteren 50% zur Abstimmung beitragen.

In der Nominierung heißt es u.a.: „Der ehrenwerte inhaltliche Ansatz, sich Randgruppen zu widmen und sie auf die Bühne zu bringen, führt immer zu interessanten, in vielen Fällen auch zu herausragenden künstlerischen Ergebnissen.“

Ehrenwert fand ich dieses Jahr allerdings nicht alles. Ich schrieb noch in meinem jüngsten Beitrag, dass bei der Ankündigung von „Ich will leben“ die Qualität der Literatur von Selma Merbaum in den Hintergrund geriet gegenüber dem Gedenken ihrer Deportation durch die Nationalsozialisten. Ich kritisierte gleichermaßen, dass die Lesung der Ohrenkuss-Redaktion recht ausführlich auf das Leben mit Trisomie 21 einging. Stattdessen wünschte ich mir ähnliche naturverbundene Literatur bekannter Verfasser:innen. Sehr eindringlich wurde außerdem Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ von Menschen mit Suchterfahrung als Film über Entfremdung inszeniert. Laiendarsteller:innen mit ihren persönlichen Geschichten überzeugten als Expert:innen des Alltags mit ihrer Echtheit. Der vorangestellte Hinweis auf die Entstehung entzauberte diese Qualität , die unvergleichbar ist mit der Empathie professioneller Schauspielkunst.

Das Festival positioniert sich auf den ersten Blick gesellschaftspolitisch. Seit 2002 zeigt Sommerblut Produktionen von und mit Künstler:innen sowie künstlerischen Inhalten, die eine (nicht) plurale inklusive Gesellschaft thematisieren. Aktion Mensch und andere Einrichtungen, die Nachteilsausgleiche und gesellschaftliche Teilhabe fördern, finanzieren jedoch längst hochwertige inklusive Zugänge zu Kultur für Künstler:innen und Publikum etwa mit Beeinträchtigungen, also mehr als Mildtätigkeit.

Sommerblut ist jedoch schon deshalb Kulturakteur, da die meisten Künstler:innen und Inhalte sowie inklusive Umsetzungen in anderen Kunst- und Kulturbetrieben kaum zu erleben sind. Unter den Förderern findet man auch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW sowie andere Kulturförderer jenseits des sozialen Engagements. Seit 2009 verpflichtet zudem die UN-Behindertenrechtskonvention auch alle öffentlich zugänglichen Kultureinrichtungen dazu, Künstler:innen und Publikum eine inklusive Teilhabe zu ermöglichen. Die Förderer tun dies also mit Qualitätsanspruch und nicht aus Mildtätigkeit, ebenfalls nicht immer aus freien Stücken oder Überzeugung.

Inklusions- und Diversitätsbestrebungen mögen trotz größerer Förderetats wie die zum Scheitern verurteilte Speisung der Fünftausend aussehen, spätestens nach den Pandemie-bedingten Verboten und Einschränkungen vor allem im Kulturbereich.

Ehrenwert, dass für Sommerblut Inklusion niemals Beliebigkeit bedeutete. Interessant und vielversprechend daran ist, dass defizitorientierte Bewertungen dadurch in den Hintergrund treten können und Raum schaffen für neue Kultur- und Kunstformen, die ohne Inklusion und Diversität nicht denkbar wären. So gelingt Qualitätssicherung! Für mich war das die wichtigste Voraussetzung, als ich 2009 als Tänzer an einem Sommerblut-Projekt teilnahm. Auch jetzt blogge ich bei Sommerblut im Vertrauen darauf, dass ich dies wegen meines Könnens tun darf, statt ausschließlich wegen meiner körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen oder wegen meiner gleichgeschlechtlichen christlichen Familienplanung.

Noch ist‘s zu früh, die Aspekte der Diversität gegenüber der Tradition zu verschweigen. Noch braucht‘s Mut zu Kontroversen in der (Kultur-)Wirtschaft und in der Öffentlichkeit, die so viele Produktionen längst künstlerisch verarbeitet haben. Noch braucht‘s Mut, Vorbehalte und Gegenargumente zu benennen, statt aus Angst vor möglicher Diskriminierung zu schweigen.

Doch wenn schon jetzt so viel möglich ist, das einen Platz in Soziokultur und Kleinkunst verdient, teils ohne professionelle Ausbildung: Was ist dann erst, wenn Menschen mit diversem und inklusivem Hintergrund bessere und größere Ausbildungsmöglichkeiten, Bühnen und Ausstellungsräume allein in der Kulturmetropole Köln nutzen können? Ich bin sicher, viele könnten mit den bereits etablierten Künstler:innen Kultur nachhaltig zukunftssicher machen!

Sommerblut zeigt immer wieder: Inklusive Kulturarbeit bedeutet, Menschen mit ihren Eigenschaften, Beeinträchtigungen, Fähigkeiten und Themen wertzuschätzen. Wertschätzung bedeutet zu fördern, was sie künstlerisch und kulturell zu bieten haben. Die Nominierung durch den Kölner Kulturrat ist ein weiterer Schritt zu mehr Anerkennung. Wir sind gespannt auf die Preisverleihung am 30.8.2021.