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Arnes Durchblick #32 vom 11.11.2021: Applaus für Theater aus dem Gefängnis – „KNOCK OUT“ Gastspiel in der JVA Köln

Aus Sicherheitsgründen berichte ich heute über „KNOCK OUT“ in mehr-als-doppelter Beitragslänge, also mit 340 statt 160 Wörtern.

Einlass in der JVA Köln-Ossendorf mit Sicherheitskontrollen, durch den Innenhof, Stacheldraht an den Dächern. Auf einigen Fluren penetrante Blinklichter, damit Gefangene ja nicht auf die Flure gelassen werden, Fluchtgefahr. Und ja, die JVA hat einen Theaterraum mit stufigen Reihen und einer Bühne.

Weil‘s Kekse gab, nahm ein junger Mann aus der JVA Wuppertal-Ronsdorf an der Theaterproduktion „KNOCK OUT“ teil. Er gestand nach dem Gastspiel, es habe ihm doch Spaß gemacht. Die 13 Inhaftierten blühen bei einigen Gangsta-Rap-Einlagen auf, musikalisch alternativlos? Die bildungsbürgerlich engagierte Büchersprache drückte den weiteren Texten oft einen sprachlich unpassenden Kulturstempel auf. Zitate und komplexe Sprache machen wenig Sinn, wenn die Sprechenden sie nicht nachvollziehen können. Was wurde nur aus Bertolt Brechts Bemühen um Theateraufführungen durch Arbeiter:innen?

Die angekündigte Audiodeskription und Rückmeldungen anderer Zuschauender retteten diese Ernüchterung. In dreimonatigen Proben hatten die Männer ihre Körperbeherrschung perfektioniert: Boxen in Zeitlupe, gezielte Gruppenformationen, Andeutungen von Familienaufstellung oder Boxkämpfen. Damit schlugen sie immerhin atmosphärisch einen Bogen über den zeitgenössischen Fragmentierungszwang.

Schuld, Ehre, ein kurdisches Lied über Freiheit der Vögel. Die Frage, ob Menschen naturgegeben gut sind, wie Rousseau behauptete, und Schuldfragen: Mama ist jedenfalls unschuldig, wenn der Sohn im Gefängnis sitzt. Auch ohne Schwerhörigkeit wär‘s mir nicht weniger fragmentiert erschienen.

Sicherheitstechnisch riskant war die Frage ans Publikum, ob der Mensch gut sei. Denn Kontakte zur Außenwelt sind strengstens verboten, das könnte die Kriminalität fortsetzen oder Flucht erleichtern. Auch für die gefangenen Frauen unter den 150 Zuschauer:innen. Sie saßen in einer eigens abgegrenzten Reihe.

Am Schluss ein wohlverdienter tosender Applaus. Wie Rolf Emmerich zurecht angekündigt hatte: weil es uns gefallen hat! In rund 80 Minuten konnten die Darsteller aus 8 Nationen die bildungsbürgerlichen Vorurteile gegenüber Gefangenen überwinden. Ich erlebte Laiendarsteller, die wahrscheinlich selbst überrascht sind, was sie draufhaben.

Das Bühnenergebnis ist nur die Spitze des Eisbergs einer persönlichen und künstlerischen Entwicklung. Daher hoffe ich auf weitere Kulturarbeit in Gefängnissen, denn sie bietet einen weiteren Zugang zur Resozialisierung und gewaltfreier Konfliktlösung – auf beiden Seiten der Gitter.