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Arnes Durchblick #37 vom 15.12.2021: TANK – ein blinder Blogger berichtet über die Tanzaufführung in einfacher Sprache

Heute berichte ich in einfacher Sprache über eine Tanzaufführung. Ich benutze dafür 444 Wörter. Fast dreimal so viele wie sonst. Ich benutze sonst 160 Wörter.

Es ist hell auf der Bühne der TanzFaktur. Eine nackte Frau tanzt in einem Tank aus Plexiglas. Hier ist ein Link mit Informationen über das Tanz-Stück „TANK“. Der Tank sieht aus wie ein riesiges Reagenzglas.

Es gibt Audiodeskription für sehbehinderte Zuschauer:innen. Ich kann sie mit dem Kopfhörer kaum hören. Ich verstehe nicht, was die Bewegungen für sehende Menschen bedeuten. Manfred erklärt mir später, was er gesehen hat. Er sagt, dass die Tänzerin sehr gut ist.

Die Choreografin und Tänzerin heißt Doris Uhlich. Sie tanzt leidenschaftlich. Sie bewegt sich manchmal mechanisch mit den Hüften. Manche Menschen erinnert das an Sex. Danach liegt sie auf dem Boden und bewegt ihre Füße in der Luft.

Die elektronische Musik ist rhythmisch und monoton. Sie wirkt kalt. Es gibt keine Melodien. Dazwischen hören wir englische Texte. Eine Frage ist: Wie wäre die Welt ohne Schweiß und ohne Schweißgestank?

Es wird dunkel. Doris Uhlich berührt das Plexiglas mit ihrem Oberkörper. Wenn sie das Plexiglas berührt, leuchtet es. Die Lichtflecken sehen aus wie die Flecken einer Kuh oder wie Gesichter. Manfred sieht sogar ein Vögelchen.

Ich bin zu spät zur Vorstellung gekommen. Ich verstehe gar nicht, was das Stück mit Technik und mit der Klimakrise zu tun hat. Das stand in der Beschreibung. Ich wusste nicht, was auf den Bildern zu sehen ist.

Ich denke an schwangere Frauen. Manche haben Angst davor, ein Kind zu bekommen und es zu erziehen. Vielleicht wollten sie das Kind nicht. Vielleicht denken sie: Ich bin ein Reagenzglas. Und darin entsteht ein Kind. Und wenn das Kind zur Welt kommt, gebe ich Milch wie eine Kuh. Vielleicht muss ich eine Maschine sein, damit es dem Kind gut geht.

Das Tanzstück ist komplett ausverkauft. Die meisten Zuschauer:innen sind begeistert. Ich fühle mich unwohl. Die Aufführung bedrückt mich. Ich kann die Bilder von überforderten Müttern im Kopf nicht aushalten. Darum verlasse ich die Aufführung. Das ist mir zum ersten Mal passiert.

Anna ist die künstlerische Leiterin von Sommerblut. Sie sagt: Es geht nicht um Mütter. Es ist wie angekündigt. Hier ist noch ein Link zum Lebenslauf von Doris Uhlich.

Menschen denken über das gleiche Tanzstück also sehr verschieden. Jeder sieht eine andere Geschichte. Manche Künstler:innen möchten ihre Zuschauer:innen überraschen. Vielleicht bekommen dann einige Angst, oder sie werden krank. Man kann aber nicht alles vorher verraten. Sonst schaut man sich die Aufführungen nicht mehr an.

Ich möchte wissen: Menschen mit verschiedenen Krankheiten möchten dabei sein. Wie macht man dann Werbung für ein Tanzstück? Wie bereitet man sie vor, aber man verrät trotzdem nicht alles?