Festivalschwerpunkt

Festivalthema ZUKUNFT

Das Problem mit der Zukunft ist, dass niemand sie kennt. Dabei betrifft sie jeden von uns – persönlich und global, irgendwann einmal oder schon ganz bald. Das kann Angst machen oder die Phantasie beflügeln.

Es gibt verschiedene Einstellungen und Methoden, der Unsicherheit und unstillbaren Neugier zu begegnen, die uns beim Gedanken an die Zukunft befallen.

Sprichworte wie „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter!“ oder „Nach mir die Sintflut!“ blenden die Zukunft aus. Wozu Pläne schmieden und versuchen, die Zukunft aktiv zu gestalten? Alle Anstrengung könnte vergeblich sein, wenn einem morgen schon der berühmte Blumentopf auf den Kopf fällt. Da kann man sich auch gleich dem Fatalismus hingeben und fortan ganz in der Gegenwart nach dem kölschen Motto „Et kütt wie et kütt“ leben.

Für andere, deren „Hier und Jetzt“ eher trist und unerfreulich ist, ist die Flucht in die Utopie das Mittel der Wahl. Vor über 500 Jahren (1516) prägte der Staatsmann und Humanist Thomas Morus den Begriff eines idealen Ortes, den es nicht gibt. In seinem Utopia ist das Geld abgeschafft, es herrschen Solidarität und religiöse Toleranz, und jeder Bürger muss nur sechs Stunden am Tag arbeiten. Mit der Erforschung der Welt und der Entdeckung der entlegensten Gebiete verlagerten sich die literarischen Utopien von der räumlichen in die zeitliche Ebene und ließen so das Genre der Science Fiction entstehen. Die Utopien von heute versprechen ewige Jugend und optimierte Cyborg-Körper in einer Gesellschaft, in der alle lästige Arbeit von Robotern erledigt wird.

Der Utopie steht die Dystopie oder Anti-Utopie gegenüber, in der die Zukunftsszenarien beklemmend, trostlos oder sogar furchterregend sind. Ihr literarischer Klassiker ist „1984“, in dem George Orwell einen totalitären Überwachungsstaat entwirft und die Parole „Big Brother is watching you“ prägt. Heute sind Dystopien und Endzeitvisionen Gegenstand vieler Filme und Games.

Eine wichtige Grundlage für den Blick in die Zukunft sind Prognosen. Mit der Auswertung von Entwicklungen der Vergangenheit und der Fortführung dieser Trends in die Zukunft beschäftigen sich Wissenschaftler*innen verschiedenster Fachrichtungen – es geht um Gesellschaft, Wirtschaft, Technik und Umwelt. Themen wie Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung stehen aktuell im Mittelpunkt.

Derzeit umfasst die Weltbevölkerung ca. 7,3 Milliarden Menschen. Laut einer Prognose der UN aus dem Jahr 2015 werden 2050 über 9,7 Milliarden und 2100 ca. 11,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wird es noch genug Platz geben für all diese Menschen und können ihre Ernährung und Versorgung mit Trinkwasser noch sichergestellt werden? Kann der Klimawandel angesichts der wachsenden Weltbevölkerung überhaupt noch aufgehalten werden?

Obendrein können auch die klügsten Futurolog*innen nur grobe Schätzungen abgeben, wenn es um die Wahrscheinlichkeit von Umweltkatastrophen oder Gefahren aus dem Weltall geht. Die NASA weiß von mehr als 1.100 potenziell gefährliche Asteroiden, die auf der Erde aufschlagen könnten. Dazu gehört z.B. Apophis, der zwischen 2029 und 2036 die Bahn der Erde mehrmals kreuzen wird. Am 13. April 2029 wird er nur 29.470 Kilometer von der Erde entfernt mit einer Geschwindigkeit von 26.700 Kilometern pro Stunde vorbeifliegen. Würde Apophis auf der Erde aufschlagen, würden Tausende von Quadratkilometern pulverisiert, und der in die Atmosphäre geschleuderte Staub würde viele Jahre lang die Sonne verdunkeln. Und … haben Sie schon ausgerechnet, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie das noch erleben werden?

Wen wundert es, dass die Menschen angesichts dieser Unwägbarkeiten Zuflucht im Prädestinismus suchen? Es gibt ihnen Sicherheit, daran zu glauben, dass dem Weltgeschehen wie auch ihrem eigenen Leben ein unveränderliches Schicksal zugrunde liegt – sei es die Konstellation der Sterne oder der göttliche Weltplan. „Gott hat offenbar der Welt ein letztes Ziel gesetzt, welches sie erreichen soll, und die Hinordnung aller Dinge zu diesem ihrem letzten Ziele ist die göttliche Vorsehung. Er hat mit der klarsten Erkenntniß den ganzen Weltlauf bis in’s Kleinste vorhergesehen und vorherbestimmt, und die Dinge führen diesen ewigen Weltplan wegen ihrer allseitigen Abhängigkeit von Gott mit größter Pünktlichkeit aus“, schreibt G. Hagemann in „Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon“ von 1881.

Nun wäre es doch zu schön, wenn man einen kleinen Blick auf die Überraschungen werfen könnte, die das Schicksal für uns ganz persönlich bereithält. Wann werden wir der großen Liebe begegnen? Auf welches Pferd sollten wir setzen, um den Hauptgewinn zu machen? Kein Problem – Hellseherinnen und Wahrsager bieten ihre Dienste mit Hilfe von Handlinien, Pendeln und Tarot-Karten an. Im Internet ist zu lesen: „Um das Hellsehen kostenlos zu testen, stehen Ihnen auf unserem Expertenportal authentische und geprüfte Hellseher beratend zur Seite. Das 15 Minuten Hellsehen Gratisgespräch steht allen Neukunden zur Verfügung. Sie möchten sich bei einer Telefonberatung oder einem Chat sicher nur an einen vertrauenswürdigen Hellseher wenden, der sein Fachgebiet bis ins Detail beherrscht.“ Selbstverständlich! Denn nur so sind wir angeblich gut informiert und gerüstet, wenn wir plötzlich der Zukunft ins Auge sehen … vielleicht schon morgen?

Sommerblut, das Festival der Multipolarkultur, wird in seiner 19. Ausgabe Skeptiker*innen und Zukunftsgläubige zu Wort kommen lassen. Wir präsentieren postapokalyptische Szenarien, begeben uns auf Zeitreisen, befragen die Kristallkugel und untersuchen, was aus den Prophezeiungen und Zukunftsvisionen der Vergangenheit geworden ist.